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Muss Hochschullehre unterhalten?

von Thomas Tribelhorn

Falsch verstandene Qualität der Lehre verhindert Entwicklungen

Seit langem steht die Qualität der Lehre weit oben auf der Agenda von Hochschulen. Allerdings divergieren die Vorstellungen zu exzellenter oder hochstehender Lehre oft enorm. Meist wird dazu Bezug genommen auf das hausinterne Evaluationssystem, das Grossteils auf Befragung der Studierenden mittels Fragebogen beruht.

Evaluation als Kundenzufriedenheitsbefragung

Die Einschätzung der Studierenden zur Qualität der Lehrveranstaltungen ist zweifellos eine wichtige Perspektive. Bleibt sie die dominante oder gar die einzige, so werden Qualitätsentwicklungen in der Lehre jedoch behindert, wenn nicht sogar pervertiert. In seinem Fachartikel leitet der bekannte Sozialpsychologe Prof. Wolfgang Stroebe gut nachvollziehbar her, warum gute Ergebnisse in Lehrevaluationen zu schlechteren Lehrveranstaltungen führen können.

Neuere Forschungsergebnisse weisen z.B. einen negativen Zusammenhang zwischen der Einschätzung eines Grundlagenmoduls und den Leistungen der Studierenden im Aufbaumodul aus. Je beliebter das Grundlagenmodul war, desto mehr Mühe bekundeten die Studierenden in den darauf aufbauenden Veranstaltungen. Mit anderen Worten: Die positive Bewertung durch die Studierenden war gegenläufig zu ihrem akademischen Erfolg.

Gründe dafür lassen sich auf mehreren Ebenen finden. Zunächst kann es sich schlicht um schlechte curriculare Koordination zwischen den Modulen handeln. Aus psychologischer Perspektive lassen sich aber durchaus weitere Vermutungen formulieren, beispielsweise, dass die Lehrveranstaltung jener Dozierenden gute Noten erhalten, die über gute Strategien zum Impression Management verfügen. Wer mit seiner Art gut ankommt, erhält trotz ausbleibendem Lern-Ertrag gute Rückmeldungen durch die Lernenden. Einer der Faktoren, welche die Zufriedenheit der Studierenden nachweislich negativ beeinflussen, ist der geforderte Arbeitsaufwand. Lernen ist jedoch anstrengend, ein Lerneffekt ergibt sich nur durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Lernerfolg durch kompetente Lehrende

Dabei kann die Stoffverarbeitung durchaus animierend, unterhaltsam und gleichzeitig lernförderlich gestaltet werden. Die Lernforschung belegt beispielsweise, dass positive Emotionen den Lernerfolg deutlich steigern. Nicht wenige Bildungsinstitutionen setzen dazu auf neue Technologien, wobei durch deren Auftritt zuweilen der Eindruck entsteht, dass dabei Marketinggedanken eine wichtige Rolle spielen. Lehrende werden dadurch leider oft verunsichert und glauben, sie müssten zu perfekten Entertainern werden, oder noch schlimmer, sie würden bald überflüssig werden.

Das Lernverhalten Studierenden wird sich verändern — ganz einfach, weil es das schon immer tat. Aktuell ist eine eindrückliche Steigerung der Benutzerfreundlichkeit von neuen Lehr-Lerntechnologien feststellbar. Aber es gilt nach wie vor: A fool with a tool is still a fool. Wenn Technologie durch Lehrende nicht sinnvoll in ein gut durchdachtes Lehrkonzept integriert wird, bleibt sie wirkungslos. Sie soll nicht (nur) beeindrucken, sondern Lernprozesse intensivieren. Dazu kann auf einen riesigen Bestand an Daten aus der Lernforschung zurückgegriffen werden. Weil das in der Regel nur für Fachkundige mit vertretbarem Aufwand machbar ist, tun Lehrende gut daran, hochschuldidaktische Beratungsangebote zu nutzen. Überflüssig werden sie also nicht. Im Gegenteil: Reflektierte Lehrende, die die vorhandenen Mittel mit Bedacht einsetzen, sind gefragt wie nie zuvor.

Level One Evaluation

Die Evaluation der Lehrveranstaltungen durch Umfragen bei Studierenden wurde bereits in den 50er-Jahren von Kirkpatrick als unterste von vier Entwicklungsstufen wirksamer Evaluation taxiert. Dabei wird lediglich die unmittelbare Reaktion der Zielgruppe erhoben. Die weit verbreitete Standardevaluation erinnert darum oft an eine Kundenzufriedenheitsbefragung mittels «Happy-Sheets».  Es ist ungleich viel aufwändiger, zu ermitteln, ob vom Lernstoff tatsächlich etwas geblieben ist oder das Wissen gar in entsprechend professionelles Handeln einfliesst und dies seinerseits erwünschte Veränderungen auslöst.

Die Evaluation der Lehrqualität soll eigentlich zu deren Verbesserung führen. Wenn sie nur auf den Ergebnissen der Studierenden-Fragebogen beruht, so wird ein falsches Signal an die Lehrenden gesendet: «Mach sie glücklich und du erhältst höhere Werte». Dies ist besonders fatal, wenn die Karriereförderung nur diese Werte im Bereich der Lehrtätigkeit berücksichtigt. Ein solches System läuft dem Gedanken der institutionellen Lehrentwicklung zuwider.

Zum Weiterlesen

Stroebe, W (2016). Why good teaching evaluations may reward bad teaching: On grade inflation and other unintended consequences of student evaluations. Perspectives on Psychological Science, 11. 800-816.

Stroebe, W (2017). Große Vorschicht geboten. Was evaluieren Studierende, wenn sie Lehrveranstaltungen evaluieren? Forschung & Lehre 2|17, 136-137.

Kirkpatrick Donald L. & Kirkpatrick, James D. (2008). Evaluating training programs. The Four Levels (3rd ed.). San Francisco: Berrett-Koehler.

Kirkpatrick, D. L. & Kayser Kirkpatrick, W. (2016). Kirckpatricks's Four Levels of Training Evaluation. Alexandria: ATD Press