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Keine Osterhasenpädagogik!

von Thomas Tribelhorn

Eine seit langem missbrauchte Dialogmethode - Das Lehrgespräch

«Jetzt raten Sie doch mal, welche Antwort ich wohl von Ihnen hören möchte». In Lehrsituationen entsteht manchmal der Eindruck, das wäre im Wesentlichen die Frage, die die Lehrperson eigentlich stellen möchte. Frontalunterricht hat für die Lernenden oft den Charakter von 'Wattwandern im Nebel': Irgendwann treffen sie mehr oder weniger zufällig auf die Antwort, die der Lehrperson seit längerem vorschwebt. Solange dies nicht eintrifft, muss sie allerdings ständig alle zugerufenen Antworten abwinken. Rasch sinkt der Enthusiasmus der Beteiligten in den Keller und letztlich tritt die unvermeidliche Stille in den Raum. Verärgert oder verzweifelt (oder beides) wird die erwartete Antwort dann selber gegeben. Mutige versuchen dann einen weitere Runde des sogenannten Lehrgespräches. Weil das Publikum das Spiel aber inzwischen kennt, wird die Beteiligung kaum mehr steigen.

Sokrates war alleine mit dem Schüler

Das ursprüngliche Modell dafür stammt aus der Antike und wird Sokratischer Dialog genannt. Was meist leider ausgeblendet wird: Sokrates trat in einen eins-zu-eins-Dialog mit seinem Schüler und konnte dessen Gedankengänge viel besser nachvollziehen, weil der Schüler in dieser Situation kaum zu schweigen wagte. Mit anderen Worten: Der Sokratische Dialog war gar nie als Methode des Frontalunterrichts vor einer grösseren Gruppe gedacht, weil er sich dazu schlicht nicht eignet. Sokrates hat den Schüler nämlich äusserst direktiv mit andauerndem Fragen 'auf die richtige Spur' gebracht. Ein Lehrverhalten, das wir heute im Übrigen als ziemlich nervig empfinden würden.

Die Suche nach versteckten Eiern

Dieser fragend-entwickelnde Unterricht ist ein alter Zopf, der längst abgeschnitten werden muss. Für Diethelm Wahl gehört die Methode in die Rubrik 'Osterhasenpädagogik': Die Lehrperson versteckt sozusagen die Eier in Form von Antworten, die sie gerne hätte. Die Lernenden tasten wohl oder übel das thematische Feld ab und hoffen, den einen oder anderen Treffer zu landen. So gesehen ist diese Lehrstrategie eine 'didaktische Nebelmaschine', die leider zu oft aus reiner Bequemlichkeit im Sinne der 'Türklinkendidaktik' eingesetzt wird. Der zweite Grund ist meist ein wenig reflektiertes Verständnis dafür, was überhaupt nötig wäre, damit es zum erwünschten kritischen Diskurs kommen kann. Ein konstruktives Hin-und-Her mit aufeinanderfolgenden Fragen und Antworten kann sich nur ergeben, wenn die Fragen auf garantiert vorhandenes kollektives Vorwissen treffen. Selten hat die Lehrperson vorgängig aber abgeklärt, ob dies überhaupt der Fall ist. Die Folge ist oft Frustration auf beiden Seiten. Lehrende erwarten eine aktivere Mitarbeit – und im Grunde das entsprechende Vorwissen. Lernende erwarten keine 'Ratespiele', sondern strukturiert und verständlich dargebotene Information.

Fazit

In den meisten Fällen ist ein guter Vortrag die bessere Wahl. Maximal zwanzig Minuten mit anschliessender Vertiefungsphase sind weitaus lernwirksamer. Die Leitlinien hierzu lassen sich aus der Empirie oder tatsächlich aus der antiken Rhetorik ableiten. Gemäss Forschung bietet sich als wirksame Alternative zudem die Direkte Instruktion an.

Literatur

Wahl, D. (2013). Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln (3. Aufl.). Verlag Julius Klinkhardt.